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Prolaps Story

26. Januar 2009 von Christoph Weigand  
Abgelegt unter: Allgemein

Meine etwas längere ‘Glossenstory’ zum Thema:

Der Weg zur Diagnose
So, es ist soweit – der Fall x ist eingetreten !

Der motorische Supergau, das Bewegungsarmageddon, Dr. Frost hat zugeschlagen.

Mit anderen Worten:
Sie haben einen Bandscheibenvorfall !

Doch bevor diese Diagnose Sie mit der Präzision einer mittelalterlichen Guillotine für die nächsten Monate vom Rest der motorischen Welt abtrennt, gehen ihr meistens einige Schritte voraus.

Mehrheitlich finden wir folgendes Szenario vor: An einem beliebigen Ort, bei einer beliebigen Bewegung und zu einem beliebigen
Zeitpunkt werden Sie durch einen unvorstellbaren Schmerz in Ihrer momentanen Position eingefroren.

Im Allgemeinen ist ab diesem Zeitpunkt für die nächsten Tage oder Wochen keinerlei schmerzfreie Bewegung oder Ruheposition mehr möglich.

Schön für Sie, wenn Sie sich jetzt in Gesellschaft befinden, denn dann kann jemand den Arzt für Sie rufen – schade allerdings, wenn Sie alleine sind, denn der Weg zum Telefon oder ins Bett kann jetzt sehr weit werden – glauben Sie mir.

Nun gut – Sie haben es also geschafft, den Arzt zu rufen oder sind in einem Kombi zu ihm transportiert worden, dann folgt jetzt meistens nach einer ca. 4-stündigen Schmerzodyssee im Wartebereich die erste Begegnung mit Ihrem neuen Lebensgefährten – dem/der weißen Mann/Frau !

Begleitet von kräftigem Stöhnen beginnen Sie nun zu schildern, unter welchen Beschwerden Sie leiden und finden sich schon nach kurzer Zeit auf einem der vielen Stühle im Röntgenbereich wieder (wenn Sie sitzen können – ansonsten stehen Sie oder laufen unter Protest der Arzthelferin wimmernd auf und ab).

Nach weiteren zwei Stunden werden Sie geröntgt und treffen nach kurzem Aufenthalt im Zwischenwartebereich wieder auf Ihren netten Arzt, der Ihnen bei Betrachtung des nun entwickelten Bildes mitteilt, dass er nichts sehen könne. Mit dem Hinweis auf Ihre starken Schmerzen erbarmt er sich aber, Ihnen Ihre erste von vielen Spritzen zu injizieren, was einen Hauch von Hoffnung auf Schmerzlinderung bei Ihnen freisetzt.

Unter unverständlichem Gemurmel erfolgt dann das Ausfüllen eines Überweisungsscheines für ein MRT, meist verbunden mit einer Empfehlung, doch diesen oder jenen Kollegen aufzusuchen, denn mit dem besteht oft eine enge „Kooperation“.

Einige Tage später (mittlerweile sind Sie stolzer Besitzer eines Pillendöschens, dessen Inhalt einen Elefanten 10 Stunden zum Schlafen bringen kann) ist es dann soweit – ihre Psyche wird auf eine weitere harte Probe gestellt, denn nun werden Sie für ca. 20 Minuten in eine enge Röhre eingesperrt.

Unter vollem Knatter- und Tacker Dolby-Surround (hoffentlich sitzt der coole Lärmschutz-Kopfhöhrer richtig) wagen Sie es nicht, die Augen zu öffnen, weil 5 cm vor Ihrer Nasenspitze die Welt zu Ende ist und die Panik langsam Besitz über Ihre Gedanken zu ergreifen droht – doch die letzten Worte der Radiologie-Fachkraft hämmern wieder und wieder durch Ihr Hirn: „Bloß nicht bewegen, sonst müssen wir alles wiederholen !“

Also ertragen Sie die Zeit, bis Ihr kleines mentales Abenteuer im diagnostischen Torpedorohr sein Ende findet.

Danach geht es eigentlich ganz schnell:

Sie ziehen sich an, werden zu dem vor einem Bildschirm sitzenden Radiologen gerufen und erfahren nun die Offenbarung der besonderen Art: „Links medio-lateraler Prolaps L5/S1“ o. ä..

Auf Ihre flüsternden Worte: „Was heißt das ?“ werden Sie dann mit gönnerhaftem Lächeln an Ihren behandelnden Arzt verwiesen, der Ihnen einige Tage später in seiner Praxis die Diagnose kurz und knapp ins Umgangssprachliche übersetzt (wenn Sie nicht schon bei der fieberhaften Suche nach begrifflicher Klärung auf Weisheit bei einer Internet-Suchmaschine getroffen und bereits informiert sind…):

Teil 2: Die Diagnose

„Ja, ja – ein Bandscheibenvorfall auf der linken Seite, hab’ ich mir schon gedacht“.

Das war’s ! Auch die letzten Zweifel sind zerstreut. „Prolaps“ heißt tatsächlich Bandscheibenvorfall – und viel schlimmer – es ist diesmal nicht der fettleibige Nachbar oder der Getränkelieferant (dem Sie immer gute Ratschläge zum rückengerechten Heben der Getränkekisten gegeben haben).
Es hat auch nicht den halbstarken Bodybuilder von gegenüber erwischt oder Ihren Kollegen im Büro, dessen Haltung am Schreibtisch Sie an die Äste einer Trauerweide nach einer monatelangen Dürre erinnert.

Nein, Sie sind es und kein anderer ! Und dieser Gedanke ist der Auslöser eines einmaligen mentalen Infernos:

Stimmt das wirklich ? – soll ich eine zweite Meinung einholen ? – wer kann mir helfen ? – muß ich operiert werden ? – wer operiert mich ? – wann operiert er mich ? – oder ist es vielleicht inoperabel ? – muß ich sterben ? – wann sterbe ich ? – komme ich in den Himmel ? – wer kümmert sich dann um den Hund ? – wie sag’ ich’s meiner Frau ? – und den Kindern ? – warum habe ich letzten Monat meine Berufsunfähigkeitsversicherung gekündigt ? – warum bin ich gesetzlich versichert ? usw.

Von diesem anarchisch-psychotischen Zustand lassen Sie sich selbstverständlich nichts anmerken, die verbale diagnostische Peinigung Ihres Gegenübers akzeptieren Sie im Stile eines Stoikers und fragen sachlich: „Und nun ?“

Nachfolgend erläutert Ihr behandelnder Arzt (schon leicht erbost, weil Ihre Frage seinen knapp bemessenen, zeitlichen Behandlungsrahmen sprengen könnte) fachterminologisch, d. h., für Sie nicht nachvollziehbar, die verschiedenen
Behandlungsmöglichkeiten.

Glücklicherweise kann eine dieser Maßnahmen auch in seiner Praxis ausgeführt werden und für die unterstützende, krankengymnastische Behandlung werden Sie vollkommen uneigennützig an einen bekannten Therapeuten verwiesen, dessen Karte zufällig an der Anmeldung erhältlich ist.

Mit dem Erwähnen der Anmeldung ist diese kurze Audienz auch schon beendet, wobei er Sie noch darauf hinweist, doch bei seinen Assistentinnen einen Termin für das nächste Vorsprechen zu vereinbaren.
Sie schleppen sich daraufhin also zu besagter Anmeldung, vereinbaren einen Termin („… in 6 Wochen hätten wir noch was für Sie …. nein, nein, Sie kommen dann auch sofort dran“) und erhalten ein Kärtchen des betreffenden Krankengymnasten.
An dieser Stelle knickt Ihnen dann auch erstmals das linke Bein weg, aber Sie messen diesem Ereignis keine besondere Bedeutung bei, schließlich haben Sie in den letzten 5 Stunden im Wartezimmer nichts gegessen und getrunken.

Also machen Sie sich schwermütig auf den Weg nach Hause und begeben sich zu Ihrem Auto, dass leider ca. 2 km entfernt geparkt ist.
Im Normalfall ein kurzer Spaziergang aber nun, da die kleine, vermutete Kreislaufschwäche in Form des Versagens der Stützfunktion des Beines beim Gehen immer wieder auftritt, ein kräftezehrender Gewaltmarsch. Komisch nur, dass es nicht beide Beine betrifft sondern nur die linke Seite; und Sie nehmen sich vor, das beim nächsten Arztbesuch zur Sprache zu bringen.

Teil 3: Auf der Suche nach dem heilenden Pfad

Zu Hause angekommen, lassen Sie ein heißes Rheumabad ein und ergreifen das Telefon, um gleich für morgen Ihren ersten Termin bei dem empfohlenen Therapeuten auszumachen (ob er mir wohl helfen kann ?).
Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine überaus freundliche Stimme, die Ihnen auf die Frage nach dem nächstmöglichen Termin mitteilt, dass aufgrund der Ferienzeit und der langen, zehrenden Krankheit eines Kollegen eine Terminvergabe erst wieder für Dienstag in 3 Wochen möglich sei !
Oh nein, denken Sie und beginnen umständlich zu erklären unter welch starken Schmerzen Sie leiden, dass „Ihr guter Bekannter“, Dr. Sowieso Ihnen die Praxis mit der Empfehlung für einen zeitnahen Therapiebeginn empfohlen hätte.
Wieder und wieder wimmern Sie die Schlüsselwörter „Schmerz, Schmerz, Dr. Sowieso, Hilfe, Bitte“ durch die Telefonleitung aber die Stimme am anderen Ende beharrt in einem nunmehr gelangweilten Ton auf dem angebotenen Termin (wie kann man nur so gefühllos sein ?)
Sie teilen ihr daraufhin mit, dass das Ihnen doch zu lang erscheint, bedanken sich artig und beenden die Verbindung.

“Was jetzt“, fragen Sie sich und überlegen fieberhaft an welche Adresse Sie sich noch wenden könnten, als Ihr Blick die neben dem Telefon liegenden „Gelben Seiten“ streift.

Ja, das muß es sein – es gibt doch bestimmt noch mehr von diesen Tempeln der Genesung in der Stadt. Sie schlagen die Rubrik Physiotherapie auf und werden tatsächlich fündig – nahezu siebzig Einträge allein in Ihrer Stadt – toll !
Sie beginnen mit den fettgedruckten, großen (seriös anmutenden) Einträgen in alphabetischer Reihenfolge, um immer wieder die gleiche Auskunft zu erhalten (gelegentlich läuft auch nur ein Anrufbeantworter): „Urlaubszeit, Kollege krank und Urlaubszeit, 2 Wochen, 3 Wochen, 4 Wochen, tut mir leid“, bis Sie irgendwann von einer der gesichtslosen Stimmen gefragt werden, was denn auf Ihrem Rezept stehe.
“Wo ?“, fragen Sie und lesen nach dem Hinweis auf den unteren Teil des Schrift- stückes eine Zahl und drei Buchstaben ab: „10 x E A P“ (dies ist das erste Mal, dass Sie auf das Rezept geschaut haben und Sie haben jetzt, als Sie diese Buchstaben lesen, nicht die leiseste Ahnung, was das eigentlich sein soll).

„Ja“ sagt die Stimme, „wie Sie sicher wissen, sind hierfür noch einige organisatorische Dinge zu klären, zuerst muß der Arzt unseres Institutes Sie untersuchen, woraufhin Sie einen Befund von uns erhalten, den Sie dann bei Ihrer Krankenkasse zur Genehmigung vorlegen müssen und wenn die Maßnahme genehmigt ist können wir dann Termine ausmachen. Der nächste Termin zur Eingangsuntersuchung ist übermorgen um
– Moment – 17:30 h. Bringen Sie die MRT-Bilder mit.“

Eingangsuntersuchung, anderer Arzt, Genehmigung – was soll das jetzt wieder, fragen Sie sich aber der Widerhall des Wörtchens „übermorgen“ zerstreut alle Zweifel und Sie bestätigen ergeben und dankbar den Termin am übernächsten Tag.

„Geschafft“ denken Sie sich, jetzt geht’s los und für einen kleinen Moment lässt Sie dieser Triumph sogar den Schmerz im Rücken vergessen – übermorgen wird alles besser !

Jetzt nehmen Sie sich auch die Zeit den Eintag neben der eben gewählten Nummer in den gelben Seiten zu lesen.
“EAP – Erweiterte ambulante Physiotherapie“ steht da – und Sie fragen sich, was da wieder auf Sie zukommt……

Übermorgen:
Sie haben es tatsächlich geschafft; 20-minütige Autofahrt in die Stadt, Parkplatzsuche, Parkticket gelöst (Automat stand ganz oben am Hang, verdammt !), Treppen in den 3. Stock hochgeschleppt (heute Aufzugswartung !), geklingelt (hässlicher Klingelton) und stehen nun an der Anmeldung des Physiotherapie-Tempels.
Hektisches Treiben, laufend klingelt das Telefon, die Dame an der Anmeldung lächelt Sie an (das ist also das Gesicht zur Stimme – hab ich mir ganz anders vorgestellt) und begrüßt Sie nach kurzer Zeit mit der Frage, „was kann ich für Sie tun ?“.
Sie stellen sich vor, Ihre Daten werden aufgenommen und die Dame bittet Sie, sich noch einen Moment zu gedulden.
Sie begeben sich also zu den anderen, die anscheinend aus demselben Grund wie Sie hier sind (was die wohl alle haben ?), setzen sich kurz hin, werden dabei aber sofort wieder an den Schmerz im Rücken erinnert und entscheiden, lieber stehend zu warten.
Dabei haben Sie jetzt die Gelegenheit, die anderen Wartenden zu betrachten: verbundenes Knie, Unterschenkel in Gips, eine Frau hat den Unterarm auf einem kleinen Ballon fixiert, einem anderen schaut ein Drahtgestell aus dem Handgelenk (scheint aber nicht weh zu tun, er lacht sogar – wie ist das möglich ?).

Nachdem einer nach dem andern von einer sonoren Stimme in ein Zimmer gerufen wurde, sind Sie jetzt als letzter an der Reihe. Ihr Name fällt und sie gehen langsam auf das Zimmer zu, in dem Sie ein weißgekleideter Mann begrüßt und Sie bittet, sich zu setzen…

… to be continued …

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