...Werde Fan von Starker Rücken bei Facebook Bandscheiben auf Twitter


Übergewicht und Rückenschmerzen

2. Dezember 2007 von Christoph Weigand  
Abgelegt unter: Bandscheiben, Diät, Rückenschmerzen

Klaus-Peter Baumgardt hat mir vor ein paar Tagen ein Übergewicht-Rückenschmerzen-Stöckchen zugeworfen, daß im Hinblick auf die kursierenden kontroversen Meinungen nicht unbeantwortet bleiben sollte.
Wenn laut Klaus-Peter niemand danach zu suchen scheint, liegt das vielleicht daran, daß bei der Mehrzahl der Betroffenen der unterstellte Zusammenhang als Selbstverständlichkeit im Bewußtsein “verankert wurde”. Warum danach suchen, wenn jeder sagt, daß es so ist ?

Ist es tatsächlich so ? Bedingt ein erhöhter BMI / Übergewicht / Fettleibigkeit ursächlich das Entstehen von Rückenschmerzen ?

Die Vermutung liegt nahe, denn nicht selten haben übergewichtige Personen auch mit Rückenschmerzen zu kämpfen. Normalgewichtige aber auch, hmm. In diesem Zusammenhang wäre zu klären, ob Übergewichtige signifikant häufiger Rückenschmerzen haben als Normalgewichtige – auch für diesen Zusammenhang dürften sich Quellen finden lassen. Lassen wir das !

Ich stelle lieber völlig unwissenschaftlich die Hypothese auf, daß Übergewicht nicht zwangsläufig zur Entstehung von Rückenschmerzen führt.

Biomechanisch würde ich in solchen Fällen noch mit mir reden lassen, in denen die jeweiligen Personen zu einer extremen “Häufung von Masse” nahe am Körperschwerpunkt neigen (der sog. Bierbauch), denn dieses Phänomen muß über eine Veränderung in der Position von (hauptsächlich) LWS (Lendenwirbelsäule), Becken und ggf. unterer Extremität kompensiert werden, damit ein stabiler Gleichgewichtszustand erzeugt werden kann. Bei einer generalisierten Fettleibigkeit kommt es allerdings weniger zu derartigen biomechanischen Kompensationseffekten, weshalb aus meiner Sicht kein besonderer Zusammenhang besteht.

Was allerdings Beschwerden im Rücken verursachen könnte, ist verminderte körperlich-motorische Aktivitätsniveau bei vielen übergewichtigen Personen. Je höher das Körpergewicht, desto subjektiv anstrengender werden länger andauernde körperliche Betätigungen empfunden. Das Vermeiden von Anstrengung liegt aber in der Natur des Menschen, wenn nicht gerade eine unmittelbare Belohnung mit dieser Anstrengung verbunden ist. Unmittelbare Belohnungen sind aber im Hinblick auf eine Beschwerdefreiheit oder Senkung des Körpergewichts nicht zu erwarten. Hierfür ist ein längerer Prozeß vonnöten. Also lieber nicht bewegen.

Bewegung wäre aber wichtig. Nicht nur im Hinblick auf den Energieumsatz, sondern auch für Rücken und Bandscheiben. Muskeln, Gelenke, Organe, biologische Systeme allgemein sind auf Aktivität, nicht auf Inaktivität ausgerichtet. Keine Aktivität = eingeschränkte Versorgung. Dabei ist es völlig unerheblich, ob nun BMI 40 oder BMI 20 auf dem Sofa ‘rumlungert oder seine Zeit ausschließlich in gekrümmter Position vor dem Rechner verbringt. Die Auswirkungen auf den Bewegungsapparat sind vergleichbar.

Wenn Zusammenhänge Rückenschmerzen <-> Übergewicht besteht, dann sind sie in der Vermutung zu suchen, daß die Gesamtheit der Übergewichtigen eher als die der Normalgewichtigen dazu neigt, körperliche Aktivität zu vermeiden. In diesem Zusammenhang sollte erwähnt werden, daß auch die Nahrungszusammensetzung eine Rolle bei Stoffwechselprozessen spielt, aber selbst Defizite in dieser Richtung ließen sich aus meiner Sicht durch ein gesteigertes Aktivitätsniveau halbwegs kompensieren.
Die Auswirkungen von Bewegung sollten aber nicht nur auf den Stoffwechsel begrenzt werden. Intensives Bewegen führt nach absehbarer Zeit zu einem veränderten Körperempfinden. (Belastungs-)Signale, die vorher als bedrohlich wahrgenommen wurden, erfahren parallel zum “Mehr an Bewegung” eine Zuordnungswandlung. Schmerz muß nicht in jeder Form negative Konsequenzen für die zukünftige Entwicklung der Gesamtbefindlichkeit haben. Und wenn das (vielleicht geänderte) soziale Umfeld manchen Schmerz nicht als negativen Verstärker bewertet, sondern ihm eine positive Bedeutung zuordnet, kann das langfristig durchaus positive Auswirkungen für die Grundeinstellung der Personen haben.

Beim Bewegen und bei körperlicher Aktivität ist es weiterhin nicht absolut entscheidend, daß sie 100% zielgerichtet ist. Rückenschmerzen müssen nicht zwangsläufig mit reinem Rückentraining bekämpft werden. Ich gehe sogar soweit, zu sagen, daß das in den seltensten Fällen zum Erfolg führt.
Die möglichst umfassende Bewegung ist entscheiden. Der Körper ist neben einem “Stoffwechsel-Reaktor” auch ein System von Aufhängungspunkten. Ist der Zug an einer Stelle zu groß, muß das komplette System nachziehen um im Gleichgewicht zu bleiben, unabhängig vom Körpergewicht.
Hierbei sollte man aber bedenken, daß z. B. bei gleicher Rumpflänge die mechanische Belastung auf die Lendenwirbelsäule bei einem Rumpfgewicht von 40 kg sehr viel niedriger ist, als bei einem Rumpfgewicht von 80 kg.

Bei vielen übergewichtigen Rückenpatienten ist der Rückenschmerz ein zusätzlicher Frustrationsbaustein, der Verstärkung aus vielen Richtungen erfährt. Ich bin dick, deswegen hab’ ich gesundheitliche Probleme hier … dort … und jetzt auch noch am Rücken. Ich armes Schwein ! Klingt jetzt vielleicht sehr plump und verallgemeinernd, aber wenn man’s oft genug gasagt bekommt, glaubt man’s irgendwann schon.

Dick oder dünn, fett oder schlank: Bewegung bzw. körperliche Aktivität hat einen Einfluß auf die unterschiedlichsten Steuerungsmechanismen.
In der letzten Woche hatte ich eine schöne Rückmeldung eines (übergewichtigen) Patienten, der tatsächlich nach Abschluß seiner Reha seit zwei Jahren regelmäßig trainiert (nicht nur Rückentraing im Studio, sondern auch ein paar Kurse, ein wenig radeln usw):
Die Rückenschmerzen sind zwar immer noch in geringem Umfang vorhanden und abgenommen hat er auch “nur” einige Kilos, aber es geht im gut.
Es geht ihm gut, obwohl er immer noch Rückenschmerzen hat und nicht um mindestens 30 kg abspeckte ? Ja, “es geht im gut”, sagte er und ich glaube ihm. Das nicht übertriebene, aber konsequente Training/Bewegen scheint etwas in Gang gesetzt zu haben, was sich positiv auf seine Gesamtverfassung auszuwirken scheint. Und ich bin mir sicher, wenn ich ihn das nächste Mal sehe, wird es ihm noch ein wenig besser gehen.

Versteht mich nicht falsch, liebe Übergewichtigen, denn Bewegung ist nicht das einzig Seligmachende. Ich bin kein Ernährungsexperte und will mir auf diesem Gebiet keine Lorbeeren verdienen. Ebenso wie der Rückenschmerz ist Übergewicht oftmals multifaktoriell bedingt. Bewegung ist aber ein Baustein – sowohl bei den Rückenschmerzen, als auch beim Übergewicht :-)

Kommentare:

12 Kommentare zu “Übergewicht und Rückenschmerzen”
    • Klaus-Peter sagt:

      Muss doch noch mal sagen, dass mir der Artikel gut gefällt, auch wegen dem optimistischen Schluss.

      In unserer Selbsthilfegruppe hat mal eine Teilnehmerin erzählt, wie sie vom Orthopäden wegen ihres Übergewichts runtergemacht wordem ist, und als sie ihn fragte, was sie denn machen sollte, wollte er ihr eine Organisation von PunktezählerInnen empfehlen.

      Bei Knie- und Hüftgelenkproblemen ist es einfacher, den ursächlichen Zusammenhang herzustellen.
      Aber Prävention?

    • Freut mich, daß der Artikel Dir gefällt, Klaus-Peter :-)

    • Kerstin Buschmann sagt:

      Möchte gerne diesen Bericht weiterverschicken.

    • Inwiefern weiterverschicken, Kerstin ? Verlinken ?

    • Helge sagt:

      Hallo,

      sicherlich gibt es einen Zusammenhang von Bewegung und Übergewicht.
      Ich denke aber, jeder sollte sich in seinem Körper wohlfühlen und krankhaft ist es auch, zu wenig zu wiegen.

      Grüße
      Helge

    • Jean-marc gros sagt:

      Ich bin 21 j. alt, war nie sportler und habe in 18 monate 40 kg zugenommen. Mit 18 j. war ich 85 kg und jetzt 128 kg für 193 cm. Seit 10 monate habe ich allerzeit sehr starke Rückenschmerzen und bewege (und atme) sehr peinlich. Aber ist es nicht ganz normal ? Bewegung vermeiden ist kein problem für alle fette männer ich kenne und zuviel essen und einen sympatischen Bierbauch bekommen ist für mich sehr angenehm !

    • Robert sagt:

      Wer wollte den Zusammenhang leugnen, wenn es bei Übergewicht um die Mehrbelastung auf Gelenke und insbesondere der Wirbelsaüle geht. Natürlich muß aus massivem Übergewicht nicht zwangsläufig eine Rückenerkrankung resultieren. Aber bei dem Wort multifaktoriell finde ich mich gut wieder, es ist halt eine negativer zusätzlicher Fakt. Ich bin kein uneingeschränkter Freund des BMI’s, aber ab 27 ist es nicht nur für Herz-Kreislauf bedenklich, sondern auch für das gesamte Skelett.

Trackbacks

Das sagen andere Blogs zu diesem Artikel:
  1. Übergewicht sagt:

    [...] dann – ein wenig rund ist auch gesund Btw – nicht immer ist nur das Übergewicht für die Rückenschmerzen [...]

  2. [...] Rückenschmerzen und Übergewicht  [...]

  3. [...] wie ich zum Zusammenhang Übergewicht <-> Rückenschmerzen stehe, kann das an anderer Stelle hier im Blog [...]

  4. [...] Wer den Termin nicht wahrnehmen kann, kann ja hier weiterlesen oder auch beim – zur Zeit etwas verwaist wirkenden Bandscheiben-Blog. [...]

  5. [...] Übergewicht und Rückenschmerzen [...]



Hier kannst Du kommentieren:

Teil mir Deine Meinung zu diesem Artikel mit:

Vielleicht von Interesse für Dich: