Rückenschule in der Kritik
27. Oktober 2007 von Christoph Weigand
Abgelegt unter: Bandscheiben, Medizin, Rückenschmerzen, Rückenschule
So manche Neuigkeit, die uns in den letzten Tagen vom Deutschen Schmerzkongress erreicht, sollte hellhörig stimmen.
Neben sehr speziellen Themen werden auch Fragestellungen behandelt, die durchaus eine “Alltagsrelevanz” aufweisen.
Alltagsrelevanz meint in diesem Fall, daß viele von Euch mit Sicherheit schon einmal an Rückenschulen teilgenommen haben. Und – wie war’s ? Hat’s was gebracht ?
Wenn ihr eine weibliche, teilzeitbeschäftigte Person oder Hausfrau aus der Mittelschicht seid, die Sport treibt und sich gesund ernährt, dann sagt Ihr bestimmt “Ja”.
Sollte diese Zeilen jedoch ein Mann mit niedrigem Sozialstatus lesen, der in Vollzeit arbeitet und abends Chips futternd auf der Couch abhängt, beantwortet dieser meine Frage wahrscheinlich mit “Nein”.
Wie ich dazu komme, so etwas von mir zu geben ? Das entspringt nicht meiner “geistigen Feder”, sondern ist eines der Ergebnisse einer Studie, die von Forschern an der Heidelberger Uni durchgeführt wurde (nachzulesen als Pressemeldung).
Glücklicher Weise kann ich zu diesem Thema auf eigene Erfahrungen aus unzähligen Rückenschulkursen zurückgreifen und die erwähnten Ergebnisse – völlig unwissenschaftlich – bestätigen.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich immer wieder gerne an einen Kurs bei einem Entsorgungsbetrieb, der im Rahmen einer Schulung die Mitarbeiter zu einer Rückenschule verdonnert hatte. Die Teilnehmer bekundeten ihren Unmut damit, indem sie die BILD auspackten und sich demonstrativ vor die Nase hielten. Aus heutiger Sicht kein Ding mehr, aber vor knapp 15 Jahren eine wirklich sehr seltsame Situation. Würde mich übrigens interessieren, wie ich heute spontan reagieren würde…
Mit einigen Jahren Abstand und sehr viel mehr “Rückenerfahrung” betrachte ich heute übrigens viele Elemente der klassischen Rückenschule recht skeptisch und frage mich häufig, ob das Konzept noch zeitgemäß ist. Viele Kurse laufen für meinen Geschmack immer noch recht dogmatisch ab (im Sinne von “nur das ist richtig/nur das ist falsch”). Die thematische Fixierung auf all das, was man nicht machen sollte bzw. angeblich nicht richtig macht erzeugt irgendwann den Eindruck, daß es sich bei der Wirbelsäule um ein extrem zerbrechliches Gebilde handelt, das auf keinen Fall zu stark beansprucht werden sollte. Bei sich stündlich und täglich wiederholenden, einseitigen Überbeanspruchungen lasse ich ja mit mir reden, aber ansonsten lebt die Wirbelsäule von Bewegung. Manchmal Oftmals sogar von der vermeintlich falschen.
Interessanter Artikel in diesem Kontext: Tyrannei der Rückenprävention, den ich vor einigen Tagen bei mediaoffice.net entdeckte.





Kann ich als Rückenleidender nur bestätigen. Zwar habe ich immer Glück gehabt und hatte in den Kursen immer sehr erfahrene Therapeuten, aber oftmals scheint es so abzulaufen, als seien die Rückengebote direkt von Moses in den Schoß der Teilnehmer geworfen worden zu sein.
Da mangelt es einfach an Individualität und Relation…
>> als seien die Rückengebote direkt von Moses in den Schoß der Teilnehmer geworfen worden zu sein.
Das liegt nicht selten daran, wie die Rückenschulleiter ausgebildet werden. Wer dann später nur dieses 08/15 Programm abspult, vermittelt eben tatsächlich nur die (richtigen ?) Gebote und vernachlässigt die Individualität.
Wobei es auch schwer ist, individuell auf die Leute einzugehen, wenn man 20 Teilnehmer im Kurs hat. Ist eben wie in der Schule in einer Klasse mit zu vielen Kindern und einem lustlosen Lehrer