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Die Schonhaltung

11. April 2008 von Christoph Weigand  
Abgelegt unter: Bandscheiben, Medizin, Rückenschmerzen

Seit meinem Unfall wird mir erneut bewußt, wie schwer ein “Nebenschauplatz” des Schmerzes kontrolliert werden kann bzw. wie sich langsam aber stetig durch die körpereigenen Regulierungsmechanismen zusätzliche Nebenschauplätze zum eigentlichen Zentrum des Geschehens eröffnen.

Was passiert bei der Einnahme einer Schonhaltung und welche Konsequenzen hat dies ?

Im schmerzfreien Zustand nimmt jede Person in Ruhe eine bestimmte Haltung ein, bzw. bewegt sich mit einem bestimmten Bewegungsverhalten/-muster, einer bestimmten Bewegungsgeometrie fort.
In der Bewegung wird durch diese Bewegungsgeometrie eine meist optimale Gleichgewichtssituation der einzelnen Körperteile zueinander generiert, die Bewegungsökonomie weist einen entsprechend hohen Wirkungsgrad auf und die Bewegungsrhythmik läuft in einem funktionierenden Regelkreis von Soll- und Istwerten ab, der kaum bewußt wahrgenommen werden kann.

Dieses System wird beim Bestehen eines konstanten Schmerzreizes jäh “durcheinandergewirbelt”.
Um die schmerzende Körperregion zu entlasten, müssen viel neue “Einstellungen” vorgenommen werden, die allerdings nicht isoliert betrachtet werden dürfen, da der Körper sich im Sinne einer Herstellung des (bio-)mechanischen Gleichgewichts mit vielen kleinen “Kompensationen” an die neue Situation anpassen will und muß.
So kann z. B. selbst die “Schonhaltung” eines im Ellenbogengelenk nicht frei beweglichen Arms eine deutliche Veränderung im kompletten Bewegungsverhalten auslösen, da der Arm beim Gehen anders schwingt/geführt wird, als in einer Normalsituation. Oder denkt an ein Kniegelenk, das aufgrund einer Verletzung nicht mehr komplett gestreckt werden kann. Selbst ein medizinischer Laie kann sofort ein verändertes Gangbild bei den Betroffenen wahrnehmen, selbst wenn nur wenige Grad zur Streckung im Kniegelenk fehlen.

Je größer die Schmerzintensität (unter Berücksichtigung des schmerzenden Anteils am Gesamtumfang einer Bewegung), desto größer wird das mechanische Chaos, desto mehr muß an anderer Stelle kompensiert werden, damit nicht alles aus den Fugen gerät. Dadurch werden in der Regel die nächstgelegenen “Kompensationsstellen” besonders intensiv beansprucht.
Ist also das Kniegelenk betroffen, müssen Hüfte und Lendenwirbelsäule besonders stark kompensieren. Ist das Handgelenk betroffen, halten Ellenbogen und Schulter her (ich hoffe, Ihr versteht, was ich meine).

Je länger aber diese “Stellen” eine unphysiologische Arbeit verrichten müssen, desto mehr leiden sie selbst unter der aktuellen Situation.
Beziehe ich diese vereinfachte Veranschaulichung auf meinen aktuellen Zustand, läuft folgendes ab:

Dadurch, daß ich meinen Oberkörper permanent zur rechten Seite beugen muß, um die gebrochenen Rippen zu entlasten, verlagere ich Hüfte und Becken nach links. Abgesehen von der ohnehin übermäßigen muskulären Anspannung im Bereich der Brustwirbelsäule (lokaler Schutzmechanismus), führt dies dazu, daß die Lendenwirbelsäule ein eine unphysiologische Position gebracht wird und die zugehörige Muskulatur in diesem Bereich extrem arbeiten muß. Bei einer gesunden Lendenwirbelsäule wäre dies auf Dauer schon ein recht unangenehmer Zustand, der sich langfristig negativ auswirken könnte.
In meinem Fall ist allerdings die Lendenwirbelsäule bereits deutlich vorgeschädigt, was somit die Beschwerden schon nach kurzer Zeit zusätzlich verstärkt. Zu den Schmerzen in der Brustwirbelsäule/Rippen gesellen sich nun noch intensivere Beschwerden in der LWS als vorher.

Die Lösung kann kurzfristig nur in der Unterdrückung des Schmerzes durch (Schmerz-)Medikamente bestehen, anders läßt sich der Teufelskreis nicht durchbrechen. In diesem “betäubten” Zustand muß versucht werden, wieder ein normales Haltungs- und Bewegungsverhalten herstzustellen, damit sich die aktuellen Muster nicht “einschleifen”. Komplette Schonung wäre auch in diesem Fall aus meiner Sicht falsch und führt (bei mir) nur zu noch mehr Beschwerden.

Also: betäuben und bewegen – schönes Wochenende ;-)

Kommentare:

4 Kommentare zu “Die Schonhaltung”
    • Mao-B sagt:

      Als Ich seinerzeit mit dem akuten Vorfall durch die Stadt … wankte … vielen Mir doch recht viele Leute auf die in etwa ähnlich liefen. Es ist interessant wie sehr sich die eigene Wahrnehmung verändert, wenn man selbst von etwas betroffen ist.

    • Horst sagt:

      Ich denke mir neben der Haltung ist auch Gymnastik sehr sehr wichtig.

    • Sukadev sagt:

      da bin ich auch deiner Meinung. Allerdings habe ich als Yogalehrer da öfter mit zu kämpfen: Ich empfehle Yogaschülern, recht zügig bei Rückenschmerzen Schmerzmittel zu nehmen, und dann Yoga regelmäßig zu üben, natürlich besonders die Übungen die für den Rücken gut sind. So kommt der Teufelskreis Schmerz-Schonung-falsche Haltung-mehr Verspannung-Muskelabbau-noch mehr Schmerz gar nicht erst zustande.
      Leider schieben zu viele Menschen die Einnahme von Schmerzmitteln zu lange heraus.

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  1. [...] sind wichtig für den Erhalt der “Bewegungsgeometrie” (s. hierzu auch Artikel zur Schonhaltung) müssen aber grundsätzlich im Gesamtzusammenhang des mechanischen Systems betrachtet [...]



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