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Die letzte Konstante

18. November 2006 von Christoph Weigand  
Abgelegt unter: Off Topic

Ich wohne in einer Großstadt. In Ordnung, Wiesbaden ist nicht Frankfurt oder Berlin, ein wenig gemütlicher aber dennoch eine Großstadt mit all Ihren Facetten.
Bevor ich in einen Vorort von Wiesbaden zog, wohnte ich lange in der Nähe der Innenstadt, etwas verkehrsberuhigt, direkt bei einer Allee mit großem Spielplatz.
In einer Straße mit unterschiedlichen kleinen Einzelhändlern war alles zu finden, was man für das tägliche Leben benötigt.ffm
Ich kannte jeden Inhaber der Läden vom Sehen, in vielen war ich schon als Kind ‘Kunde’ und es vermittelte irgendwie ein Gefühl von Gemeinschaft oder Dazugehörigkeit, durch die Straßen zu gehen und fast vor jedem Haus ein bekanntes Gesicht zu treffen.
Von den Nachbarn ein paar Ecken weiter wußte ich oft sogar die Namen, es war längst nicht so anonym, wie man es sich in einer Großstadt vorstellt.
Im Laufe der Jahre hat sich einiges geändert. Altbekannte Gesichter verschwanden – einige zogen weg, andere verstarben. Ein Geschäft nach dem anderen wurde aufgegeben, neue Geschäfte kamen, auch die verschwanden wieder. Heute ist die Straße mit der Einzelhandelsvielfalt irgendwie zu einer Ansammlung von Kiosken, Kebapläden und Telecafes mutiert, deren Besitzer bzw. Inhaber im Rhytmus von wenigen Monaten wechseln.

Auf meinem Weg zur Grundschule wählte ich damals immer dieselbe Route und irgendwann fiel mir das erst Mal ein ‘Neuer’ bei der Straßenreinigung auf, dem anscheinend dieses Viertel zugeteilt worden war.
Jeden morgen sah ich Ihn zu einer bestimmten Zeit an einer bestimmten Stelle, wie er dort die Straße fegte.
Nach einer gewissen Zeit wurde er für mich ebenso wie die anderen zum festen Bestandteil des Viertels.
Die Jahre vergingen, ich kam auf eine andere Schule (ein paar Straßen weiter) und auch hier kreuzten sich unsere Wege immer wieder. Selbst als ich erneut nach der 11. Klasse die Schule wechselte, weil dort die Möglichkeit zum Sport-Abi bestand, begegnete mir tagtäglich der Mitarbeiter der Stadt Wiesbaden.

Nach der Schule folgten Ausbildung und Studium in Mainz, ich hatte einige Jahre nicht viel mit der innerstädtischen Tagesroutine von Wiesbaden zu tun. Mein Wohnort war nach wie vor derselbe, das Leben spielte sich aber eher in den Abendstunden, nach Feierabend und am Wochenende in der Stadt ab. So verlor ich ‘meinen Begleiter’ aus den Augen.

Nach dem Studium fand ich eine Anstellung in einem Rehazentrum im Bereich der Innenstadt von Wiesbaden (seltsamerweise nicht weit entfernt von meinen alten Schulen).
Die ersten Arbeitsjahre vergingen und auch hier änderte die Struktur des Einzelhandels. Kaum noch alteingesessener Läden, hohe Fluktuation, viele Pleiten, immer wieder neue, unbekannte Gesichter – wie fast überall in den Städten.

Eines Tages machte ich den obligatorischen U-Turn, um zum Parkhaus neben meiner Arbeitsstelle zu gelangen und hatte fast einen Mann in Orange auf der Motorhaube sitzen.
Es war der ‘Stadtreiniger’ aus meiner Schulzeit ! Wahrscheinlich wurde ihm zuvor ein anderer Bezirk zugeteilt und ich hatte ihn deshalb ewig nicht mehr gesehen – aber jetzt war er wieder an die alte Wirkungsstätte zurückgekehrt.

Seitdem begegne ich ihm fast wieder jeden Tag, wenn ich zur Arbeit fahre. Seine Bewegungen sind etwas langsamer als früher, er bückt sich nicht mehr ganz so schnell – aber sonst ist er immer noch der Alte.

Es ist nicht so, daß ich mich permanent nach den guten alten Zeiten sehne, in denen jeder jeden kannte, Geschäfte per Handschlag besiegelt wurden, man keine Quittung für einen Umtausch brauchte usw.
Allerdings stelle ich immer wieder fest, daß ich bei der Geschwindigkeit unserer Zeit auch nach Konstanten suche, die die Veränderungen überdauern, die Zeitimmanenz aufweisen.
Das mögen alte Gebäude, Fotos oder Geschäfte sein, in denen ich schon als Kind eingekauft habe oder Prozesse und Handlungen, die auch nach langer Zeit noch dem gleichen Muster folgen.
Es kann aber auch eine Person sein, deren Namen ich nicht kenne, und mit der ich noch nie ein Gespräch geführt habe, die aber trotzdem irgendwie zu ‘meiner Welt’ gehört.
Ich hoffe, der Mann von der Stadtreinigung bleibt Wiesbaden und mir noch eine Zeit lang erhalten (wenn seine Gesundheit mitspielt, denn es ist mit Sicherheit kein lauer Job, den er da verrichtet) und wenn ich Ihm wieder mal wieder über den Weg laufe, werd’ ich ihn einfach ansprechen.

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