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Blogs und Silver Surfer

6. Januar 2007 von Christoph Weigand  
Abgelegt unter: Off Topic

Fast jeden Tag erreichen mich Emails, die sich auf einen bestimmten Artikel aus meinem Blog beziehen. Meist sind diese Emails anonym verfaßt. Ich meine jedoch am Schreibstil und anhand der Form der Schilderungen und Fragen erkennen zu können, daß die Mehrzahl dieser elektronischen Botschaften nicht von Personen in den 20igern oder 30igern verfaßt wurden, sondern eher der Generation 50+ zuzuordnen ist.

Einigen von Euch ist vielleicht das Intro aufgefallen, das ich seit ein paar Tagen vor meine Artikel gesetzt habe – dies soll keine höhere Keyword-Dichte gewährleisten, sondern dient in erster Linie zur Information der “Keine-Ahnung-was-ein-Blog-ist-ich-hab-auch-Angst-davor”-Surfer.

Die Mehrzahl der Leser dieses Blogs sind selbst Blogger. Für Euch ist es selbstverständlich, nach Lesen eines Artikels eben mal auf den Header zu klicken, denn Ihr wißt, daß Ihr dadurch wieder auf die Startseite des Blogs gelangt. Ihr wißt, daß Ihr zu jedem Artikel einen Kommentar abgeben könnt, wundert Euch nicht, wenn plötzlich die Kommentarfunktion deaktivert ist und macht ganz selbstverständlich ein Häkchen bei der Option “Informiere mich bei neuen Kommentaren”.
Ihr seid auch darüber informiert, daß über die Suchfunktion des jeweiligen Blogs Artikel mit einem bestimmten Schlagwort relativ schnell gefunden werden können.

Stellt Euch nun aber vor, Ihr habt prinzipiell keine Ahnung, was ein Weblog ist. Ihr macht Euer Homebanking (und seid ganz stolz, daß das jetzt klappt), sucht ausschließlich über Single-Keys in Google, Yahoo, MSN etc., habt eine Heidenangst vor bösen Dialern und wundert Euch, warum Ihr in letzter Zeit so viele Mails von ‘afrikanischen Vermögensberatern’ bekommt (Euer Kumpel übrigens auch – das ist der, der Euch den Tipp mit dem Eintrag für den obskuren Newsletter gegeben hat – was war noch mal ein Newsletter ?).
Unvorstellbar, daß dieser Typ Surfer existiert ? Mit Sicherheit sind Hunderttausende auf diese Weise im Internet unterwegs ! Und dieser Surfer landet durch irgendeinen Zufall irgendwann über eine Suchmaschine auf diesem Blog, bei einem Artikel vom 20. Juni.
Für ihn/sie ist das erstmal eine ganz normale Homepage. Verzweifelt wird die Navigation gesucht, die sich nicht – wie üblich – auf der linken Seite befindet. Ah – oben ist was ! Und rechts ist auch was – äh, da stehen die Monate, was soll’n das ? Und unter den Monaten steht auch was, da klick’ ich jetzt mal. Wo bin ich denn jetzt ? Und wo war ich eben – wie komme ich da wieder hin. Da stand doch das, was mich interessiert hat. Schnell weg hier, ist ja alles total verwirrend…
Vielleicht bleibt der ‘Silver-Surfer’ aber auch auf den Seiten des Blogs. Er ist nicht mehr ganz so ängstlich, weil er schon zwei Jahre Interneterfahrung hat. Klickt ein bischen ‘rum, hofft noch mehr Interessantes zu finden und merkt irgendwann, daß andere Leute ihren Kommentar zu den einzelnen Artikeln abgegeben haben.
“Das probier’ ich jetzt auch mal” denkt er sich, und ich kann mir ganz genau vorstellen, was daraufhin abläuft:
Er/sie sieht die Felder ‘Name, Mail und Webseite’ und erinnert sich an die Worte des Dozenten aus dem VHS-Internetkurs, daß man bloß keinen Namen im Internet preisgeben soll. Und jetzt das ! Schweißnasse Hände, Kloß im Hals ! Nicht nur meinen Namen soll ich hier eintragen, sondern auch meine Email-Adresse und meine Webseite, die ich gar nicht habe. Und was dann ? Bekomme ich wieder Post von den Afrikanern ? Oder räumt jemand mein Konto bei der Volksbank leer – man hört ja so Geschichten. Nee, der verarscht mich nicht, der bekommt gar nichts von mir – ohne mich ! Schnell wieder zurück zur T-Online Seite, da kenn’ ich mich wenigstens aus.

Ein paar Wochen später landet der Surfer wieder auf Eurem Blog. Er weiß immer noch nicht, was ein Weblog ist. Weniger ängstlich ist er mittlerweile. Aber seinen Namen will er immer noch nicht ‘rausrücken, schon gar nicht seine (echte) Email-Adresse und eine Webseite hat er immer noch nicht. Aber eigentlich hat er eine Frage zu genau dem Artikel, den er gerade hier liest. “Vielleicht eine Nachricht schreiben” denkt er sich und sucht nach dem Impressum oder Kontaktformular, das er nach mehreren Klicks auch findet. Er traut sich und schreibt eine Email über den anonymen Account, den er sich letzte Woche zugelegt hat, denn dann kann ja nichts passieren. Und die anderen sehen auch nicht, was er fragt, am Ende schreibt er was nicht richtig und alle können das sehen, nee, nee !

Über solche Dinge macht man sich keine Gedanken, wenn man ein Webdesign- oder SEO-Blog hat. Da sind nur erfahrene User unterwegs. Welcher Normalo sucht schon nach ‘Suchmaschinenoptimierung’ oder ‘CSS-Layout’ ? Weiß doch keiner, was das ist ! Und wer es weiß, kennt sich auch mit Blogs aus (das unterstelle ich jetzt einfach).

Bei vielen anderen Themen, insbesondere, wenn es um die Gesundheit geht (bei diesem Thema sind recht viele ‘Silver-Surfer’ unterwegs), muß ein Weblog mehrere Hürden überwinden, um zu der Zielgruppe durchzudringen:

  • Die Unerfahrenheit vieler Betroffener mit Weblogs.
  • Die damit verbundene Ängstlichkeit, aktiv am Geschehen teilzunehmen.
  • Die (ebenso damit verbundene) Frage: “Wie kann ich überhaupt am Geschehen teilnehmen ?”
  • Die Angst dieser Generation, gesundheitliche Details öffentlich preiszugeben (auch wenn dies anonym geschieht)

Gerald hat mir vor einiger Zeit als Anfängerlektüre freundlicherweise einmal des Buch ‘Website Boosting’ empfohlen. Ich fand es sehr nützlich, um mir gewisse Grundlagen im Hinblick auf Suchmaschinen, Usability etc. anzueignen (danke nochmal für den Tipp, Gerald).
Gerade im Hinblick auf die dort angesprochene Usability sind Blogs doch für die Zielgruppe “50+ und unerfahrener Internet-User” eine echte Katastrophe.

  • Der 08/15-Surfer erwartet einen gewissen Standard und eine gewohnte Struktur, die er in den Blogs nicht findet.
  • Die Schriften sind oft durch das (eigenwillige, persönliche) Design schlecht lesbar.
  • Oftmals werden englische Wörter verwendet oder Fachbegriffe gebraucht, die kein ‘normaler’ Mensch versteht.
  • Um mitzumachen (wie kann man eigentlich mitmachen ?), muß man persönliche Informationen preisgeben – das grenzt für viele schon an Nötigung.

Was also ist die Lösung ? Weiterbloggen und hoffen, daß der Bekanntheits- und Nutzungsgrad von Blogs steigt ? Blog verändern ? Aber wie ?
Nicht mehr bloggen – nee, auf keinen Fall ! Macht viel zu großen Spaß !
Vielleicht habt Ihr ja Vorschläge parat, wie man die Usability von Blogs in Bezug auf die angesprochene Zielgruppe verbessern kann…

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    1. [...] gibt junge Surfer, Silver Surfer, erfahrene Surfer, Gelegenheitssurfer usw. Ein Aspekt wird allerdings für meinen Geschmack bei [...]



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